Tierschutz

Was aus Rennpferden nach der Karriere wird: Umschulung, Vermittlung, Auffangprojekte

Englische Vollblüter beenden ihre Rennkarriere meist jung. Sie brauchen eine fachkundige Umschulung, bevor sie als Reitpferde vermittelt werden. Einblick in Retraining, Vermittlung und Projekte, die Ex-Rennpferden ein zweites Leben ermöglichen.

Equidara-Redaktion · 27. September 2026 · 3 Min. Lesezeit

Ein Englisches Vollblut beim Reittraining nach der Rennkarriere
Archivbild. Foto: Flickr user Jeff Kubina, CC BY-SA 2.0, Wikimedia Commons

Der Abschied von der Rennbahn

Die Rennkarriere eines Englischen Vollblüters dauert meist nur wenige Jahre. Nach Auskunft des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen in Köln befinden sich in Deutschland rund 1.900 Pferde im Renntraining. Sie beginnen als Zwei- oder Dreijährige, absolvieren im Schnitt vier bis fünf Starts pro Jahr und scheiden oft bereits mit drei bis sieben Jahren aus dem Sport aus. Erfolgreiche Hengste und Stuten wechseln in die Zucht, der Großteil der Pferde wird an Freizeit- oder Turnierreiter verkauft. Damit die Tiere in ihrem zweiten Leben zurechtkommen, sind Umschulung, sorgfältige Vermittlung und manchmal auch spezialisierte Auffangprojekte nötig.

Was ehemalige Rennpferde so wertvoll macht

Englische Vollblüter sind für Eigenschaften bekannt, die sie auch abseits der Rennbahn zu gesuchten Partnern machen: Schnelligkeit, Ausdauer, Intelligenz, Zuverlässigkeit und eine robuste Gesundheit. In der Warmblutzucht werden sie als Veredler eingesetzt. Als Reitpferde findet man sie in allen Disziplinen – von der Dressur über das Springen bis zur Vielseitigkeit – und auch als verlässliche Freizeitpferde. Diese Vielseitigkeit ist der Grund, warum sich eine fachkundige Umschulung lohnt.

Umschulung: Vom Renn- zum Reitpferd

Bereits im Rennstall sind die Pferde an Sattel, Halfter, Hänger und wechselnde Umgebungen gewöhnt. Was ihnen fehlt, ist die Ausbildung zum entspannten Reitpferd. Statt explosiver Beschleunigung sind nun Takt, Losgelassenheit und feine Hilfengebung gefragt.

Der Verein Liberty’s Home in Nordrhein-Westfalen hat sich auf diese Aufgabe spezialisiert. Laut Vereinsvorsitzender Claudia Dahlhaus werden dort ehemalige Rennpferde professionell umgeschult – nach eigenen Angaben derzeit der einzige Verein dieser Art in Deutschland. Der Prozess dauert in der Regel einige Monate. Die Pferde werden erst verkauft, wenn sie die Grundlagen ihrer neuen Aufgabe sicher beherrschen.

Ein anderer Ansatz kommt vom Dachverband Deutscher Galopp. Mit dem Pilotprojekt „GERMAN RACING Next Chance“ wird eine Plattform aufgebaut, die Trainer, Besitzer, Käufer und Umschulungsanbieter vernetzt und den Austausch fördert. Am konkreten Beispiel des Rennpferds Angreifer wird erprobt, wie eine strukturierte Ausbildung aussehen kann: Sie folgt der klassischen Reitlehre und lässt sich zeitlich an den Lernfortschritt des Pferdes anpassen.

Wichtig ist, dass viele Rennpferde mit gesundheitlichen Altlasten in die Umschulung kommen. Der Verein Ahimsa Lebensplatz für Pferde aus dem Rennsport e.V. führt am Ankunftstag eine umfassende Untersuchung durch – von Blutbild und Röntgen bis zur Magenspiegelung, denn Magengeschwüre sind bei Ex-Galoppern weit verbreitet. Deshalb dauert es oft eineinhalb Jahre, bis die Pferde gesundheitlich stabil sind, bevor sie ans Reittraining gewöhnt werden. Eine solche aufwendige Rehabilitation können reine Umschulungsprojekte nicht ersetzen.

Vermittlung: Platz vor Preis und Schutzverträge

Ein zentraler Grundsatz der seriösen Vermittlung lautet: Das Pferd soll nicht zum Wanderpokal werden. Daher prüfen Institutionen wie Liberty’s Home die Interessenten gründlich und weisen ungeeignete Käufer ab. Die Preise liegen bei Liberty’s Home zwischen 4.000 und 7.000 Euro – im Vergleich zu anderen Reitpferderassen ein moderater Preis.

Der Verhaltenskodex „After-Race-Care“, den unter anderem der Rennstall Elsur Racing veröffentlicht hat, formuliert verbindliche Standards: Die Pferde sollen Zeit und geduldiges Training erhalten, von erfahrenen Personen umgeschult und nur vermittelt werden, wenn das reiterliche Können zum Ausbildungsstand des Pferdes passt. „Platz vor Preis“ gilt ausdrücklich.

Der Sonderfonds für ehemalige Rennpferde des Deutschen Galopp hat zudem einen Schutzvertrag entwickelt, der nachhaltige Auflagen enthält. Die Vermittlung erfolgt mit verpflichtenden Hinweisen und einer Rücknahmeoption für den Fall, dass es im neuen Zuhause Schwierigkeiten gibt. So soll auch nach dem Verkauf eine Begleitung möglich bleiben.

Auffangprojekte für Pferde ohne Reitperspektive

Nicht jedes Rennpferd kann oder soll als Reitpferd vermittelt werden. Manche sind zu alt, leiden an chronischen Erkrankungen oder finden schlicht keinen passenden Reiter. Hier greifen spezialisierte Auffangprojekte.

Ahimsa Lebensplatz e.V. gibt allen aufgenommenen Pferden ein „Für-Immer-Zuhause“. Die Tiere leben im Offenstall mit Artgenossen, erhalten tierärztliche Behandlung, Physiotherapie und Huforthopädie, und werden auch dann nicht verkauft, wenn sie wieder gesund sind. Auch der Sonderfonds des Deutschen Galopp unterstützt ausdrücklich die Betreuung schwieriger oder älterer Pferde und finanziert die Unterhaltskosten während der Übergangsphase.

Dennoch ist das Angebot in Deutschland noch überschaubar. Während im Ausland die professionelle Nachsorge gang und gäbe ist, wird hierzulande ein erheblicher Teil der Pferde direkt aus den Rennställen an private Käufer abgegeben, die mit den spezifischen Anforderungen eines Vollbluts oft überfordert sind. Hier setzt die Arbeit von Verbänden und Initiativen an, um den „zweiten Markt“ für Ex-Rennpferde transparenter und sicherer zu machen.

Häufige Fragen

Wie lange dauert die Umschulung eines ehemaligen Rennpferds?

Das hängt vom Trainingsstand und Gesundheitszustand ab. Ein gesundes Pferd kann innerhalb weniger Monate die Grundlagen als Reitpferd erlernen, wie das Beispiel von Liberty’s Home zeigt. Liegen jedoch Verletzungen, Magengeschwüre oder Hufprobleme vor, kann sich die Rehabilitation über anderthalb Jahre erstrecken (Ahimsa Lebensplatz).

Was kostet ein umgeschultes Vollblut?

Bei Liberty’s Home werden Pferde für 4.000 bis 7.000 Euro verkauft. Andere Vermittlungsprojekte können abweichende Preise haben. Entscheidend bleibt jedoch der Grundsatz „Platz vor Preis“: Der neue Besitzer muss zum Pferd passen.

Wer darf ein ehemaliges Rennpferd kaufen?

Seriöse Stellen vermitteln nur an Reiter, deren fachliche Eignung und Erfahrung dem Ausbildungsstand des Pferdes entsprechen. Ein Schutzvertrag (etwa vom Sonderfonds des Deutschen Galopp) sichert zudem verbindliche Auflagen und eine Rücknahmeoption ab. Reitanfänger sind in der Regel nicht geeignet.

Was passiert mit Rennpferden, die nicht mehr geritten werden können?

Es gibt spezialisierte Auffangprojekte wie Ahimsa Lebensplatz e.V., die ein lebenslanges Zuhause bieten und nicht verkaufen. Auch der Sonderfonds des Deutschen Galopp unterstützt die Betreuung älterer oder schwieriger Pferde. Trotzdem ist das Auffangnetz in Deutschland noch lückenhaft.

Quellen

  1. Karriere nach der Karriere - Deutscher Galopp
  2. Pilotprojekt GERMAN RACING Next Chance | Junger Galopp e. V.
  3. Tiere - Verein schult Renn- zu Reitpferden um - Wissen - SZ.de (01.08.2022)
  4. Deutscher Galopp – Sonderfonds für ehemalige Rennpferde – Rennpferde Boomerang
  5. Verhaltenskodex - „After-Race-Care“
  6. Titelfoto: Flickr user Jeff Kubina, Wikimedia Commons
  7. Lizenz des Fotos: CC BY-SA 2.0

Geschrieben von Equidara-Redaktion. Stand: 4. Oktober 2026.

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