Tierschutz

Wildpferde in Europa: Bestände, Schutzstatus und Regulierung

Nicht jede frei lebende Pferdeherde hat einen rechtlichen Wildstatus. Erfahre, wie sich Bestände unterscheiden und wie die Dülmener Wildpferde erhalten und reguliert werden.

Equidara-Redaktion · 21. Oktober 2026 · 4 Min. Lesezeit

Wildpferdepopulationen in Europa: Erhaltung, Lebensweise und Bestandsregulierung
Archivbild. Foto: Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Europas Wildpferdebestände unterscheiden sich in Herkunft, Haltung und Management. Manche leben eingezäunt und werden gezielt bewirtschaftet, andere ziehen frei umher. Ob eine Herde einen formalen rechtlichen Wildstatus hat, hängt nicht von ihrer Lebensweise ab. Wenn du Bestände und Schutz einordnen möchtest, unterscheide deshalb zwischen Lebensweise, Erhaltungsziel und rechtlichem Status.

Was bedeutet „Wildpferd“ in Europa?

Laut Rewilding Europe ist der europäische Wildpferdetyp Tarpan seit 1909 ausgestorben. Das genetische Erbe europäischer Wildpferde habe jedoch in domestizierten Formen überlebt. Das Przewalski-Pferd, ursprünglich in den Steppen Zentralasiens zu Hause, beschreibt die Organisation als letztes noch existierendes Wildpferd der Welt.

Beim Rewilding, also der Wiederherstellung natürlicher Prozesse, müssen die eingesetzten Pferde laut Rewilding Europe nicht genau dem ausgestorbenen europäischen Wildpferd entsprechen. Ziel sind Populationen, die ohne menschliches Management überleben und dessen ökologische Rolle übernehmen können. Das ist ein Ziel des Ansatzes, keine Beschreibung aller bestehenden Herden.

Als geeignet beschreibt die Organisation kräftige, robuste Pferde in Ponygröße, deren Zucht oder Selektion nur wenig durch Menschen beeinflusst wurde. Sie berichtet über Pferdebeweidung unter natürlichen Bedingungen in Projektlandschaften in Portugal, Spanien, Kroatien, der Ukraine und Bulgarien.

Bestände richtig einordnen

Dülmener Wildpferde: eine bewirtschaftete Population

Nach der Fachstudie zu Dülmener Wildpferden und weiteren Populationen bewirtschaften die Herzöge von Croÿ die Dülmener Wildpferde seit 1856 im eingezäunten Merfelder Bruch bei Dülmen in Nordrhein-Westfalen als eigenständige Population.

Die Studie nennt folgende Bestands- und Nachwuchsangaben:

Die Angaben beschreiben den Bestand zum Zeitpunkt der Studie. Die aktuelle Herdengröße kann davon abweichen, weil jedes Jahr Fohlen geboren und Junghengste abgegeben werden. Die Spannbreiten betreffen unterschiedliche Größen: Die eine bezieht sich auf eine Altersgruppe innerhalb des Bestands, die andere auf den jährlichen Nachwuchs.

Koniks: Zuchtregister und freie Herden unterscheiden

Für Polnische Koniks enthält die Studie Registerangaben aus dem polnischen Stutbuch: 2022 waren dort ungefähr 1760 Stuten, 183 Hengste und 1540 Fohlen eingetragen. Diese Zahlen sind ausdrücklich keine Zählung einer frei lebenden Population. Ein Stutbuch erfasst registrierte Zuchttiere und ihren Nachwuchs, eine Bestandszählung dagegen eine bestimmte Population.

Das polnische Konik-Zuchtprogramm arbeitet laut Studie mit einem geschlossenen Stutbuch. Es soll alle sechs väterlichen Linien erhalten und möglichst viele der 35 mütterlichen Linien, die 1962 bekannt waren. Davon bestehen laut Studie nur noch 16. Bei solchen Angaben geht es um Zucht und genetische Erhaltung, nicht allein um frei lebende Pferde.

Schutzstatus: Gefährdung und Rechtsstatus trennen

In der spanischen Projektlandschaft Iberian Highlands wurden laut Rewilding Europe 2023 erstmals Przewalski-Pferde freigelassen. Die Organisation bezeichnet sie als gefährdete Unterart des Wildpferdes. Diese Aussage betrifft ihre Gefährdung, nicht einen einheitlichen rechtlichen Status aller frei lebenden Pferde Europas.

Für die frei umherziehenden Pferde in den bulgarischen Rhodopen berichtet Rewilding Europe über eine Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission, der bulgarischen Regierung und lokalen Behörden. Ziel ist ein formaler rechtlicher Wildstatus. In der Darstellung der Organisation ist das ein Vorhaben, kein erreichter Status.

Der Begriff „Wildpferd“ ist also nicht automatisch eine rechtliche Einstufung. Bei konkreten Rechtsfragen hilft dir eine Anwältin oder ein Anwalt.

Wie wird der Dülmener Bestand reguliert?

Die Fachstudie beschreibt für die Dülmener Wildpferde mehrere Maßnahmen, die ineinandergreifen:

Um Vater-Tochter-Paarungen zu verhindern, werden Hengste laut Studie höchstens drei aufeinanderfolgende Decksaisons eingesetzt. Danach verlassen sie den Merfelder Bruch dauerhaft. Die Regulierung umfasst hier also Entnahmen und die gezielte Steuerung der Fortpflanzung.

Welche Erhaltungsziele stehen dahinter?

Als Hauptziel nennt die Fachstudie für die Dülmener Wildpferde, ihre genetische Fähigkeit zu erhalten, mit natürlichem Selektionsdruck umzugehen. Dazu leben die Pferde unter harten natürlichen Bedingungen. Die genetischen Analysen ergaben eine hohe Vielfalt und eine deutliche Abgrenzung gegenüber den 17 anderen untersuchten Pferdepopulationen.

Beim Rewilding kommt die ökologische Funktion hinzu. Durch ihre Beweidung schaffen Pferde laut Rewilding Europe Raum für Offenlandarten, darunter Sträucher, Kräuter und Gräser sowie die Insekten und Vögel, die davon leben. Diese Wirkung knüpft die Organisation an Bedingungen: Große Pflanzenfresser prägen eine Landschaft nur, wenn ihre Bestände groß genug und die beteiligten Arten vielfältig genug sind.

Häufige Fragen

Sind Europas frei lebende Pferde automatisch rechtlich Wildtiere?

Nein, die Lebensweise allein entscheidet das nicht. Rewilding Europe stellt einen formalen rechtlichen Wildstatus für die Pferde in den bulgarischen Rhodopen als Vorhaben dar, nicht als erreichten Status. Bei Rechtsfragen hilft dir eine Anwältin oder ein Anwalt.

Wie wird die Fortpflanzung der Dülmener Wildpferde gesteuert?

Laut Fachstudie kommen je Decksaison zwei bis drei Hengste für 2–3 Monate zum Einsatz. Über die Dauer ihres Zugangs zur Stutenherde wird die Zahl tragender Stuten gesteuert. Ein Hengst deckt höchstens drei aufeinanderfolgende Saisons.

Sind die Zahlen im polnischen Konik-Stutbuch ein Wildpferdebestand?

Nein. Die Fachstudie unterscheidet die Registerangaben ausdrücklich von einer Zählung frei lebender Pferde.

Welches Ziel verfolgt Rewilding mit Pferden?

Laut Rewilding Europe sollen Populationen entstehen, die ohne menschliches Management überleben und die ökologische Rolle ausgestorbener europäischer Wildpferde übernehmen können.

Quellen

  1. Fachstudie zu Dülmener Wildpferden und weiteren Populationen: Genetik, Bestandsangaben und Zuchtmanagement – pmc.ncbi.nlm.nih.gov (31.07.2024)
  2. Rewilding Europe – Europäische Pferdepopulationen, Wiederansiedlung und rechtlicher Wildstatus; Bestandsangabe für die Rhodopen mit Stand En
  3. Titelfoto: Dietmar Rabich, Wikimedia Commons
  4. Lizenz des Fotos: CC BY-SA 4.0

Geschrieben von Equidara-Redaktion. Stand: 24. Oktober 2026.

Fachlich geprüft von Melissa Hinze, Pferdezüchterin und Pferdehändlerin, Gründerin von Equidara.

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